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Doof oder intelligent? Wir können beides. Individuell und kollektiv.

· Reflexion

Ich halte mich für einigermaßen intelligent. Doch regelmäßig muss ich mir mehr oder minder dumme Handlungen und Entscheidungen eingestehen (1). Dumm im Sinn von unüberlegt, impulsiv, unbewusst, Schlussfolgerungen nicht oder falsch ziehend, wichtige Faktoren außer Acht lassend. Sie werden es vermutlich auch kennen – bei sich und anderen: Dass mit Intelligenz gut ausgestattete Menschen immer mal wieder bei ihren Entscheidungen danebengreifen.

Zwei Arten zu denken und zu entscheiden

Woran liegt das? Wie kommt es, dass mein Handeln und Entscheiden mal durchaus klug und dann wieder ziemlich beschränkt ist? Eine schlüssige Erklärung für dieses Phänomen liefern die Kognitionswissenschaften mit verschiedenen Ausprägungen der Dual Processing Accounts-Theorie (2). Sie besagt in Kurzform, dass unser Denken in zwei Systemen arbeitet. System 1 ist so etwas wie unser Autopilot. Unser energiehungriges Gehirn arbeitet dabei im Sparmodus. System 1 ist impulsiv, vorbewusst, schnell, an vorgefertigten Schemata und Gefühlen orientiert. System 2 ist evolutionär jünger, braucht mehr geistige Kapazität, ist bewusst, langsamer, erlaubt abstraktes Denken, bezieht auch widersprüchliche Fakten in Entscheidungen ein.

Energiespar-Denken macht Sinn

System 2 braucht mehr Kapazität und Energie. Energie ist aber ein kritischer Faktor für unser Gehirn, dass der Hauptenergieverbraucher im Körper ist. Es macht zwar nur 2% des Körpergewichts aus, verbraucht aber glatt die Hälfte der Kohlehydrate (3). Da macht der Autopilot Sinn: Wir können es uns schlicht nicht leisten, ständig auf geistiger Höchststufe zu fahren. System 1-Denken ist auch nicht automatisch dumm. In den meisten Situationen reicht es vollkommen. Nur eben nicht immer. Liegt die Kunst vielleicht darin, zu wissen, wann wir von System 1 auf System 2 umschalten müssen? Um uns vor größeren Fehlern zu bewahren? Gilt dies vielleicht auch für Gruppen?

Schwarmdoof oder kollektiv intelligent?

„Gruppen neigen zu extrem dummen Entscheidungen“ war bei ZEIT ONLINE zu lesen (4). Und in changement 02 verneinte Gunter Dueck unter der Überschrift „dumm.dumb.dumb“ rigoros jede Weisheit der Vielen. Ist also kollektive Intelligenz nur eine schöne Illusion? Es ist leider verdammt leicht, unzählige Beispiele für kollektiven Wahn und Fehlentscheidungen von Gruppen zu finden. Ja, Gruppen können dumm und extrem dumm entscheiden. Aber – Gruppen können auch klug entscheiden. Ein Beispiel: In 2013 beauftragte das irische Parlament 66 ausgeloste Bürger und 33 Politiker mit der Überarbeitung von acht Verfassungsartikeln. Darunter das umstrittene Verbot gleichgeschlechtlicher Ehen. Die “Convention on the Constitution“ widerstand der Versuchung, schnelle und emotional vorgeprägte Entscheidungen zu treffen. Die Gruppe ließ sich auf eine differenzierte Betrachtung aller Standpunkte ein. Um am Ende mit großer Mehrheit die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe zu empfehlen.

Dual Processing Accounts im Gruppendenken

Kann es sein, dass die zwei Denksysteme der Dual Processing Accounts-Theorie auch im Gruppendenken und -handeln wirksam sind? Und hier von der jeweiligen Gruppendynamik verstärkt werden? „Das Alphatier hält jenes für richtig. Dann wird das wohl so sein.“ Weiteres Nachdenken erübrigt sich für die anderen Gruppenmitglieder. Energie gespart. Es scheint, dass autoritäre Führung und hierarchische Strukturen System 1-Denken fördern. „Sie sind nicht zum Denken, sondern zum Arbeiten hier”. System 1-Denken ist in Gruppen deutlich verbreiteter als System 2-Denken, unstrukturierte Gruppen rutschen schnell in den System 1-Modus. Da wird impulsiv entschieden, Widersprüche werden ausgeblendet, Vorurteile unreflektiert ins Handeln übernommen. System 2-Denken dagegen verlangt den Gruppenmitgliedern mehr ab und gelingt selten ohne passende Rahmung.

Kollektive Intelligenz: Wenn die Gruppenmitglieder in System 2 denken

Die "Kunst des gemeinsamen Denkens“ braucht Energie und Zeit. Mit "sozialen Techniken" wie der Kreisarbeit ("Circle way") oder dem Dynamischen Moderieren ("Dynamic Facilitation“) erkundet eine Gruppe alle Facetten eines Themas und bringt unterschiedliche Perspektiven zu Gehör. Wägt sie ab und kreiert Synthesen. In einem solchen Prozess geschieht auch etwas mit den Teilnehmern. Ihr Blick wird weiter und ihre Meinung differenzierter. Die Rahmung bringt sie zum System 2-Denken. Kollektive Intelligenz ist dann ein Resultat davon, dass die Beteiligten sich überwiegend in System 2-Denken bewegen. Das ist energieaufwendig aber auch beglückend. Finbarr O’Brien, von Beruf LKW-Fahrer und Briefträger, ein Teilnehmer der schon erwähnten irischen "Convention on the Constitution", äußerte zu seiner Teilnahme: „Bei der Bürgerversammlung mitzumachen, gehört zu den besten Erfahrungen meines Lebens. Ich fand es schade, dass ich bei der zweiten nicht wieder dabei sein durfte”.

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(1) Ein kleines Alltagsbeispiel: Vor kurzem hatte ich einen Elektriker für eine Neuinstallation im Haus. Die erforderlichen Kabelkanäle habe ich nach kurzer Einweisung selbst montiert. Beim ersten Wanddurchbruch des Kabels habe ich überlegt, wie ich den Durchbrch abdecken kann und den Kanal unten ausgeschnitten. Sauber. Dann, viele Kabelmeter weiter und im Automatikmodus arbeitend, habe ich prompt beim nächsten Wanddurchbruch nicht weiter nachgedacht und den Durchbruch nicht abgedeckt. Unschön.

(4) Leider hat der Artikel bei ZEIT ONLINE relativ wenig mit kollektiver Dummheit zu tun: http://www.zeit.de/arbeit/2017-11/teamarbeit-gruppendynamik-unternehmen-mitarbeiter-psychotest/komplettansicht

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