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Augmented Collective Intelligence (ACI): KI als Landkarte im Open Space

Wie Stimmen Richtung finden

· Methoden,Augmented Collective Intelligence

Eine Szene zum Einstieg

Stell dir eine Szene vor. 18:07 Uhr. Gerade endete ein Open Space.

Flipcharts kleben an den Wänden. Post-its hängen daran wie Herbstlaub.
Handys fotografieren die letzten Spuren.

Viele sind zufrieden und erfüllt von den Gesprächen. Viele sind auch mental überladen.

Dann kommt die Schlüsselfrage. Was nehmen wir mit? Jede/r nennt noch einmal ein, zwei Aspekte. Die vielen guten Gespräche. Einzelne Impulse. Aber sie bilden noch keine gemeinsame Landkarte.

Genau hier beginnt ACI.

ACI heißt Augmented Collective Intelligence. Auf Deutsch: erweiterte kollektive Intelligenz.

Open Space erzeugt kollektive Intelligenz. Das geschieht durch die Öffnung des Themenraums und die damit verbundene Divergenz. Sprich: Viele Perspektiven füllen den Raum.

KI erweitert das durch Synthese. Synthese heißt: Viele Teile ergeben ein Bild. KI zeigt die darin aufscheinenden Muster und Verbindungen.

Menschen entscheiden dann. KI strukturiert nur vor. Das ist der Kern von ACI.

TL;DR

  • Open Space erzeugt Vielfalt durch Divergenz.
  • Vielfalt erzeugt oft Inseln.
  • ACI verbindet Divergenz und Synthese.
  • KI erkennt Muster über Sessions hinweg.
  • KI verbindet Themen, die getrennt liefen.
  • Moderation bleibt Regie, nicht Statist.
  • Datenschutz und Bias brauchen Leitplanken.
  • Die alte Falle: Viele Gespräche, kein Gesamtbild

Open Space ist ein Marktplatz der Ideen und Initiativen.
Jede klingt wichtig.

Das ist seine Stärke. Und gleichzeitig seine Begrenzung.

Denn parallel läuft vieles. Und danach bleiben in Fotos dokumentierte Erinnerungen.
Die aber selten wirklich Orientierung bieten.

Was in der Regel fehlt, ist die Metasicht. Also die Sicht auf das Ganze. Nicht auf jedes Detail.
Sondern auf die Muster und Knotenpunkte.

Hier wird ACI praktisch. KI hilft beim Überblick. Du behältst die Verantwortung.

Was KI besser sieht als wir

Menschen sind stark im Gespräch. Wir spüren Stimmung. Wir hören die Zwischentöne.

Wir sind schwächer beim Sortieren. Vor allem unter Zeitdruck. Und vor allem bei vielen thematischen Strängen.

KI kann hier helfen. Nicht als Orakel. Sondern als Kartograf.

1) KI findet emergente Themen

Manchmal steht ein Thema nirgends groß. Und doch steckt es überall drin.

In einer Open-Space-Auswertung tauchten Meta-Themen auf. Zum Beispiel:

"Neue Funktionsbereiche schaffen" und "Faire Gehälter".

Diese Themen liefen verteilt. In mehreren Sessions. Nicht als Überschrift. Eher als Grundrauschen. KI kann solches Grundrauschen benennen. Das spart später viele Schleifen.

2) KI verdichtet Komplexität

Ein Open Space produziert Material. Viel Material. KI wirkt hier verdichtend.
Sie fasst zusammen und ordnet die Unterpunkte.

Ein Beispiel aus einer Session: "Springerpool in Kitas & OGS". Darin stecken mehrere Fäden: Rechtliche Fragen, Finanzierungsthemen, Umsetzung im Alltag. KI bündelt diese Fäden. Damit aus Gespräch später konkretes Tun wird.

3) KI knüpft Querverbindungen

Manche Themen wirken auf den ersten Blick getrennt. In Wahrheit hängen sie zusammen. Ein Beispiel aus einer Metasynthese: Faire Gehälter verbanden sich mit einem zweiten Strang. Der Strang betraf eigene Kenntnisse und Ressourcen. Das öffnete eine neue Logik:

Nicht nur „mehr zahlen“. Sondern „anders investieren“. In Wissen und in Entwicklung.

Das ist systemisches Denken. KI kann es sichtbar machen.

4) KI liefert neue Perspektiven

Aus der Synthese entstand ein Vorschlag: Wissenskonferenzen als Format. Für Austausch und Entscheidungen.

Wichtig ist das Prinzip. KI kombiniert Muster. Sie baut daraus Optionen. Die Beteiligten prüfen dann Sinn und Passung.

5) KI kann Entscheidungen erleichtern

Manchmal braucht es einen Satz, der wie ein Klammer wirkt.

In einer Auswertung wurde ein zentrales Motiv sichtbar: „Gemeinsam vereinbaren – konsequent handeln“.

So ein Motiv wirkt wie ein Leuchtturm. Es bündelt viele Einzelthemen. Und es erleichtert Vereinbarungen im Plenum.

Das ist ACI in Aktion. Divergenz bleibt nicht nur erlaubt, sondern ist sogar erwünscht. Die Synthese bahnt den Weg zu sinnvollen Schlussfolgerungen.

ACI wirkt besonders zwischen den Runden

Viele denken bei KI an Nachbereitung. Ja, aber sie alleine dazu zu nutzen, verschenkt Potenzial. Spannender ist die Schleife dazwischen. Zwischen Runde eins und zwei. Zwischen Gespräch und nächstem Gespräch. In Dialogrunden zur Flutkatastrophe zeigte sich das. Viele Erfahrungsberichte kamen zusammen. KI verdichtete Hauptherausforderungen. Zum Beispiel:

  • mangelnde Frühwarnung
  • Überforderung offizieller Hilfsdienste
  • Konfrontation mit den traumatischen Erfahrungen der Betroffenen
  • Kommunikationsausfälle

Die auf Knopfdruck gelieferte Analyse generierte dann Impulsfragen für die nächste Runde.
Zum Beispiel: „Wie können wir uns besser für die Begegnung mit Traumatisierten vorbereiten?“

So wird ein Gespräch schärfer. Nicht enger. Sondern klarer. ACI heißt hier: Die Gruppe lernt iterativ.
Die Auswertung ist kein Ende. Sie ist der nächste Schritt.

Zwei Kontexte, zwei Stärken

Die KI wirkte je nach Kontext anders.

Bei einem Open Space mit breitem Spektrum: Hier liegt die Stärke in der Detektierung der Querverbindungen und der übergreifenden Struktur.

Bei Dialogrunden mit fokussiertem Thema liegt die Stärke in der Vertiefung und der Benennung konkreter Handlungsfelder.

ACI ist also nicht „ein Tool“, sondern eher ein Einsatzprinzip. Du passt es dem jeweiligen Format an.

Ein Ablauf, der funktioniert (und nicht nervt)

KI wirkt am besten dosiert. Wie Salz, nicht wie Soße.

Schritt 1: Du klärst vorab Leitplanken

  • Welche Fragen zählen am Ende?
  • Welche Daten dürfen verarbeitet werden?
  • Wer sieht Ergebnisse wann?
  • Was wird gespeichert, was gelöscht?

Hier beginnt Vertrauen. Nicht bei der Technik. Sondern bei Transparenz.

Schritt 2: Du sammelst Inputs bewusst

Halte den Input leicht. Der Fokus liegt auf hoher Beteiligung. Wichtig ist allen Teilnehmenden Sprechzeit zu sichern. Auch den Introvertierten - denen ganz besonders. Inputs werden bewusst als Text eingegeben. Lass die Teilnehmenden sich dabei gegenseitig unterstützen.

Schritt 3: Du lässt KI zuerst strukturieren

Gib KI keine Macht über Entscheidungen. Gib ihr die Arbeit am Material. Gute Outputs sind oft:

  • Themencluster
  • Kernaussagen je Cluster
  • Spannungen und Zielkonflikte
  • offene Fragen zur Vertiefung

Das sind Bausteine. Noch kein Beschluss.

Schritt 4: Du spiegelst Hypothesen ins Plenum

Vermeide jeden Eindruck von: „Die KI hat recht.“
Sag: „Es wurden drei Muster identifiziert.“
Und dann: „Prüft das bitte.“

So bleibt es ein Dialog. Und kein Technik-Urteil.

Schritt 5: Du lieferst schnell ein nutzbares Ergebnis

Ein Vergleich zeigt den klaren Unterschied: Handschriftliche Protokolle kommen oft später.
KI-gestützte Auswertungen kommen sehr zeitnah.

Tempo ist kein Selbstzweck. Aber Tempo hält Momentum.

Grenzen, die du ernst nehmen musst

KI ist kein Zauber.
Und sie ist nicht neutral.

Datenschutz und Vertraulichkeit

Ein Fotoprotokoll bleibt physisch kontrollierbar.
KI-Analyse verarbeitet Daten digital. Das kann heikel sein.

Darum brauchst du Regeln. Und klare Einwilligungen.

Technische Abhängigkeit

Flipchart fällt selten aus. Technik kann ausfallen. Und Know-how kann fehlen.

Plane daher schlank. Und baue Redundanz ein.

Bias und blinde Flecken

KI kann Muster betonen. Und andere Muster übersehen.

Darum gilt: KI liefert Vorschläge. Menschen validieren sie.

Nonverbales bleibt oft unsichtbar

KI liest kein Zögern.
KI liest keine Blicke.
KI liest nur den Text, den ihr gebt.

Deshalb bleibt Moderation zentral.
ACI ersetzt keine Beziehung.
ACI stärkt Orientierung.

Ausblick: Vom Protokoll zum Lernsystem

In den Perspektiven tauchen größere Möglichkeiten auf:

  • Echtzeitanalyse und Feedback
  • personalisierte Nachbereitung
  • ethische KI und Bias-Minimierung
  • Simulationen und Szenarienplanung
  • Langzeitanalysen und Trendmuster
  • hybride Systeme aus Mensch und KI

Das Ziel ist größer als Dokumentation. Es ist Lernen über Zeit. Über mehrere Veranstaltungen hinweg. Dann wird aus vielen Terminen eine gemeinsame Lernreise. Nicht nur ein Archiv.

Begriffe kurz erklärt

ACI: Erweiterte kollektive Intelligenz durch KI-Synthese.

Open Space: Selbstorganisierte Sessions in Großgruppen.

Divergenz: Viele Perspektiven öffnen den Möglichkeitsraum.

Synthese: Aus vielen Teilen entsteht ein Gesamtbild.

Metaanalyse: Muster über mehrere Stränge hinweg erkennen.

Bias: Verzerrungen in Daten, Perspektive oder Auswertung.

Schluss

Wenn du das nächste Mal Material an den Wänden siehst, stell dir eine Frage: Welche Muster haben wir gemeinsam erzeugt?

Vielleicht ist dann schon ACI an eurer Seite. Nicht als Autopilot. Sondern als Erweiterung der kollektiven Intelligenz im Raum.